Jahresprogramm 2026
Alfried Krupp-Förderpreis 2026
Porträt Prof. Dr. Raphael Wittkowski

Alfried Krupp-Förderpreis 2026

40 Jahre Alfried Krupp-Förderpreis

Grafik mit der Aufschrift „40 JAHRE AKF“ in rosa Schrift.

Der Alfried Krupp-Förderpreis wird seit 1986 jährlich für junge Wissenschaftler*innen ausgeschrieben, die in den Bereichen Natur- und Ingenieurwissenschaften eine Erstprofessur an einer deutschen Hoch­schule innehaben. Er gehört zu den am höchsten dotierten Preisen in der Wissenschaft und wurde bisher an 46 herausragende junge Forscher*innen vergeben.

Die mit 1,1 Mio. € dotierte Auszeichnung soll die Preisträger*innen während eines Zeitraums von fünf Jahren in die Lage versetzen, sich unabhän­gig von öffentlichen Geldern ein verbessertes Arbeitsumfeld zu schaffen und ihre Arbeit in Forschung und Lehre voranzutreiben.

Eine Person im Anzug hält einen Stift vor eine beschriebene Tafel mit mathematischen Formeln und Symbolen.

Der Alfried Krupp-Förderpreisträger 2026: Prof. Dr. Raphael Wittkowski

Prof. Dr. Raphael Wittkowski (38) wurde 2025 auf eine Professur an der Fakultät für Mathematik und Naturwissenschaften der RWTH Aachen Uni­versity be­rufen, wo er den Lehrstuhl für Theorie Aktiver Weicher Materia­lien hält. Gleichzeitig ist er Mitglied der Wissen­schaftlichen Leitung des DWI – Leibniz-Institut für Interaktive Ma­terialien.

Raphael Wittkowski hat Physik und Mathematik an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf studiert. Dort wurde er mit einer Ar­beit über Brownsche Dynamik aktiver und passiver anisotroper kol­loidaler Partikel – die zeitliche Bewegung von Partikeln in einer Flüssigkeit oder ei­nem Gas durch thermische Fluktuationen und (im aktiven Fall) Eigenantrieb – im Fach Physik promoviert. Sowohl seine Studien- als auch Promotionszeit durchlief er in weniger als der Hälfte der Regelzeiten. Einen zwei­jährigen Postdoc-Aufenthalt verbrachte er an der University of Edinburgh bei Prof. Dr. Michael Cates – einem der renom­miertesten Physiker und inzwischen Nach­folger von Isaac Newton und Stephen Hawking an der University of Cambridge.

Die Beiträge von Raphael Wittkowski zur Theorie Aktiver weicher Materie und insbesondere schallangetriebener Mikropartikel finden in­ternational große Anerkennung und etablieren ihn als führenden Wissenschaftler in diesem Bereich. Seine Arbeit wurde bereits mit zahlreichen Auszeichnun­gen und Förderungen gewürdigt, unter anderem mit dem EIC-Pathfinder-Grant des European Innovation Council, der Heisenberg-Förderung der Deutschen Forschungsge­meinschaft, der Emmy-Noether-Förderung sowie der Auszeichnung als „Emerging Leader“ durch das Editorial Board des „Journal of Physics: Condensed Matter“. Seine Forschung fundiert Raphael Wittkowski mit einer re­gen Publi­kationstätigkeit, die nahezu 100 Werke mit hochrangigen Fachzeit­schriften wie Nature oder Physical Review Let­ters umfasst. Seine Publikationen wur­den 6.000-mal zitiert. Neben seiner For­schung und Publikationstätigkeit engagiert sich Raphael Wittkowski in der Lehre und Nachwuchsförderung. Er bietet Lehrveranstaltun­gen an, be­treut Bachelor‑, Master- und Doktorarbeiten und bindet Studie­rende und Mitarbeitende früh in die aktive Forschung ein.

Über die Forschung von Prof. Dr. Raphael Wittkowski

Prof. Dr. Raphael Wittkowski forscht auf dem Gebiet der Aktiven weichen Materie – ein neues Feld, das an der Schnittstelle von Physik, Chemie, Ingenieurwissenschaften, Biologie und Medizin angesiedelt ist. Im Zentrum seiner Arbeit stehen insbesondere Mikrosysteme mit eigenem Antriebsmechanismus, die mit Ultraschall gesteuert werden. Das Ziel besteht darin, neue Perspektiven für Anwendungen in Medizin und Technik zu finden.

Aktive weiche Materie besteht aus einem flüssigen oder weichen Material und darin eingebetteten aktiven Teilchen, die über einen Antriebsmecha­nismus verfügen. Diese Teilchen entziehen ihrer Um­gebung Energie, set­zen sie in gerichtete Bewegung oder Kräfte um und ermöglichen dadurch neuartige Effekte. Das Besondere an Akti­ver weicher Materie ist, dass sie im Vergleich zu herkömmlichen Ma­terialien außergewöhnliche Eigen­schaften aufweisen kann. Die Forschung von Raphael Wittkowski hat dazu beigetragen, dass Kon­zepte, die lange undenkbar waren, etwa ferngesteu­erte Mikro-U-Boote zur gezielten Wirkstoffabgabe oder programmierbare Materi­alien, die sich autonom an ihre Umgebung anpassen, zu realen wis­sen­schaftlichen Fragestellungen gewor­den sind.

Die von Prof. Wittkowski untersuchten Systeme – insbesondere schall­angetriebene Mikropartikel, Mikromaschinen und Mikrorobo­ter – haben Relevanz für visionäre Anwendungen in Medizin und Technik. Akustisch angetriebene Mikrosysteme besitzen ent­schei­dende Vorteile: Ultraschall durchdringt Gewebe und andere Materi­alien, der Antrieb funktio­niert in Flüssigkeiten und biologi­schem Gewebe, die Aktivität lässt sich über die Schallintensität fernsteuern. Ein konkretes Beispiel der Arbeit von Prof. Wittkowski ist die 2025 in Nature veröffent­lichte Arbeit „Ultrasound-driven programmable artificial muscles“: Darin entwickelte er zusammen mit Kollegen künstliche Muskeln, die sich durch Ultraschall mit Energie versorgen und präzise steuern lassen. Diese Sys­teme könn­ten künftig als feinfühliger wei­cher Greifer, program­mierbar ver­formbares Gewebepflas­ter zur Un­terstützung der Herz­muskelbewe­gung oder für die gezielte Ab­gabe von Wirkstoffen ein­gesetzt wer­den.

Ebenfalls hat Prof. Wittkowskis Gruppe mit AcoDyn die bisher leis­tungsfä­higste Simulationssoftware für schallangetriebene Mikrosys­teme entwi­ckelt und damit die weltweit komplexesten Simulationen dieser Systeme durchge­führt. Dies ermöglichte es ihm, wichtige Ei­genschaften die­ser Sys­teme vorherzusagen und so eine Lücke in der Forschung zu schlie­ßen. Er hat zudem eine Methode entwickelt, mit der eine große An­zahl akustisch angetriebener Mikropartikel an ein vorgegebe­nes Ziel gesteuert werden kann. Mit diesen Fortschritten hat Prof. Wittkowski eine Basis für künftige medizinische Anwen­dungen akustisch angetriebener Mikropartikel gelegt, etwa zum Transport von Wirkstoffen an ein bestimmtes Ziel im Körper, um die Nachteile einer systemischen Wirkstoffverteilung zu vermeiden. Denn wenn aktive Partikel in Zukunft bei Patienten eingesetzt wer­den, lassen sich dadurch unerwünschte Nebenwirkungen wie die Schädigung von gesundem Gewebe minimieren oder unnötig hohe Wirkstoffdo­sierun­gen vermeiden. Ein Beispiel ist die herkömmliche Chemothe­rapie, deren Nebenwirkungen primär aus der systemischen Verteilung der Wirkstoffe im Körper resultieren, die auch gesundes Gewebe angreifen.

Prof. Dr. Dr. h. c. Ursula Gather, Kuratoriumsvorsit­zende der Krupp-Stiftung, sitzt an einem Tisch, die Arme vor sich verschränkt und lächelt in die Kamera.

„Der Alfried Krupp-Förderpreis 2026 würdigt in seinem Jubiläumsjahr Prof. Raphael Wittkowski und seine ambitionierte Arbeit auf dem noch jungen Gebiet der Aktiven weichen Materie. Raphael Wittkowski hat grundlegende Effekte Aktiver weicher Materie entdeckt, bedeutende Modelle entwickelt und Methoden der Statistischen Physik vorangetrieben. Dank seiner Forschung haben utopistische Ansätze, die bislang allenfalls in Science-Fiction abgebildet wurden, Einzug in die Wissenschaft gehalten, mit dem Ziel, neue innovative Anwendungen in Medizin und Technik zu etablieren. Die Krupp-Stiftung freut sich sehr, Raphael Wittkowski auf seinem Weg der Entwicklung autonomer schallangetriebener Mikrosysteme und programmierbarer Materialien beim Transfer von der Theorie in die Anwendung zu begleiten.“

Prof. Dr. Dr. h.c. Dr. h.c. Ursula Gather, Vorsitzende des Kuratoriums der Krupp-Stiftung

Festakt: Impressionen der Veranstaltung

Die Verleihung des Alfried Krupp-Förderpreises findet jedes Jahr im Herbst in der Villa Hügel statt. Prof. Ursula Gather, die Kuratoriumsvorsitzende der Stiftung begrüßte die Festgäste und eröffnete den Abend mit einer Ansprache. Die mit 1,1 Mio. € dotierte Auszeichnung überreichte Ina Brandes MdL, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.

Drei Personen stehen in einem reich verzierten Innenraum, mittig wird eine Urkunde der Kamera präsentiert. Drei Herren stehen vor einer Pressewand. Prof. Ursula Gather hält eine Rede. Ina Brandes hält eine Rede. Prof. Dr. Raphael Wittkowski gibt eine Rede.

Laudatio

Den Rahmen des Abends bildete die Laudatio auf Raphael Wittkowski, die in Filmform gezeigt wurde und die Perspektiven seiner Weggefährten aufzeigte:
Prof. Dr. Michael E. Cates (Lucasian Professor of Mathematics, University of Cambridge), Prof. Dr. Andreas Herrmann (Wissenschaftlicher Direktor DWI – Leibniz-Institut für Interaktive Materialien), Prof. Dr. Hartmut Löwen (Chair, Institut für Theoretische Physik II – Soft Matter, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf), Prof. Dr. rer. nat. Dr. h.c. mult. Ulrich Rüdiger (Rektor RWTH Aachen University), Prof. Dr. Karl-Heinz Spatschek (Theoretische Physik I, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) und Prof. Dr. Dr. Michael te Vrugt (Institut für Theoretische Physik, Johannes Gutenberg-Universität Mainz) gaben einen Einblick in die Zusammenarbeit mit Raphael Wittkowski, erläuterten den Forschungsbereich und skizzierten die Persönlichkeit des Ausnahmewissenschaftlers.

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