Professor Hubert Wolf mit seinem Team vor dem Eingang des Apostolischen Archivs | © privat

Projekt „Öffnung des Vatikan-Archivs zu Papst Pius XII.“: Ein Erfahrungsbericht von Dr. Sascha Hinkel und Elisabeth-Marie Richter

Am 2. März 2020 öffnete der Vatikan seine Archive zu Papst Pius XII. Ein Forschungsteam unter der Leitung des Kirchenhistorikers Prof. Hubert Wolf von der Universität Münster bekam die Möglichkeit, auf die bisher unter Verschluss gehaltenen Akten zuzugreifen. Die Bestände aus dem aus dem Pontifikat Pius‘ XII. (1939 bis 1958) umfassen mehr als 400.000 Schachteln mit jeweils bis zu 1.000 Blatt. Eine große Aufgabe, zumal die Bestände weder digitalisiert sind, noch Findbücher oder sonstige Verzeichnisse existieren. Die Krupp-Stiftung fördert dieses Unternehmen mit rund 250.000 € für zwei Jahre. Eine der zentralen Forschungsfragen ist, mit der Sichtung der Archivalien neue Erkenntnisse zur Rolle von Pius XII., einem der umstrittensten Päpste in der vatikanischen Geschichte, während des Dritten Reiches zu gewinnen. Aufgrund der aktuellen Ereignisse rund um den Corona-Virus wurde das Archiv am 6. März nach nur vier Tagen vorerst geschlossen. Die begonnenen Forschungsarbeiten mussten bis auf Weiteres unterbrochen werden.

 

Dr. Sascha Hinkel und Elisabeth-Marie Richter, die unter der Leitung von Prof. Hubert Wolf arbeiten, waren als erste im Archiv und mussten ihre Forschungen leider überstürzt abbrechen. Hier schildern sie ihre Eindrücke:

„Mit einem riesigen Koffer voller Fragen haben wir uns, dank der Finanzierung der Krupp-Stiftung, in die vatikanischen Archive begeben – Archive im Plural, denn der Vatikan verfügt nicht über ein einziges zentrales Archiv, sondern neben dem „großen“ Apostolischen Archiv über eine Fülle von Kongregationsarchiven, die alle ihre eigenen Ablage- und Nutzungslogiken haben. Die Arbeit in den unterschiedlichen Archiven verschafft Eindrücke in die verschiedensten Bereiche des Heiligen Stuhls und der katholischen Kirche weltweit.“

„Durch unsere bisherige Arbeit, sei es in der Pacelli-Edition oder unseren Dissertationen (Anmerk. d. Redaktion: Eugenio Pacelli war der spätere Papst Pius XII.), sind wir zu Experten im Umgang mit den vatikanischen Archiven geworden.“

„Aus verschiedenen Teilen Europas kamen Anfragen nach Rom: Wie sollte man sich als katholischer Bischof oder Gesandter angesichts der Rassengesetze verhalten? Wie ging man mit der größer werdenden Zahl an jüdischen Gläubigen vor, die sich katholisch taufen lassen wollten? Schaut man sich die Reaktionen in Rom an, klaffen häufig Theorie und Praxis auseinander: Auf der einen Seite war man durchaus bereit, den Juden in Not zu helfen, auf der anderen war man nicht bereit, kirchenrechtliche Leitlinien fallen zu lassen und bestand so etwa darauf, dass jüdische Bittsteller sich ausführlich auf die Taufe vorbereiten mussten.“

„Die Akten zum Thema Holocaust lassen den Archivnutzer unweigerlich emotional werden: Mal erschüttern großformatige Fotografien aus den KZs oder detaillierte Schilderungen von Menschen in Not, mal lässt einen die zögerliche, um die „Reinerhaltung“ des katholischen Glaubens besorgte Reaktion im Heiligen Stuhl sprachlos, ja sogar wütend zurück.“

„Die aus den Akten gewonnenen Erkenntnisse haben uns im Team jenseits der Archive häufig bis spät in die Nacht beschäftigt. Bis zuletzt haben wir – auf eigene Gefahr – in der letzten Hochburg gegen das Coronavirus, im Archiv der Glaubenskongregation, ausgeharrt und jede Minute genutzt, um die umfangreichen Akten zu erforschen. Die in der einen Woche gesichteten Akten verschaffen lediglich einen ersten Eindruck. Wir möchten so bald wie möglich weiterarbeiten – wenn die Archive hoffentlich bald wieder öffnen.“

 

Über Papst Pius XII.

Pius XII. wurde im März 1939 zum Papst gewählt. Die Bemühungen des Vatikans unter Papst Pius XII. hinsichtlich der Rettung verfolgter Juden sollen nun untersucht werden. Eine zentrale Frage in der Forschung ist, wann die katholische Kirche von der Verfolgung und Ermordung der Juden durch die Nationalsozialisten erfahren und wie sie darauf reagiert hat. Ebenfalls soll analysiert werden, ob der, auch als „Papst des Schweigens“ bezeichnete Pius XII. führenden NS-Kriegsverbrechern 1945 geholfen hat, über die sogenannten Rattenlinien nach Südamerika zu flüchten. Das Forschungsteam hofft auch auf Material, in welchem das Verhältnis des Vatikans zum Staat Israel besprochen wird. Obwohl sich der israelische Staat 1948 gründete, wurde dieser vom Vatikan erst 1993 anerkannt.

Unter Umständen wird die Erschließung des Archivs ein neues Licht auf Papst Pius XII. und den Holocaust werfen und Geschichtsschreibung der katholischen Kirche verändern. Nun soll auch die Seligsprechung Pius‘ XII. gefährdet sein.